Sauron hat geschrieben:Ich hatte mich schon zwischendurch mal gefragt, wo du abgeblieben bist, aber dann fielen mir die Rollenspiele wieder ein. Da hat man nun mal wochenlang nichts Neues.

Bei Might and Magic VI (MM VI) habe ich die Spielzeit nicht gemessen, denke aber sie liegt bei etwa 150 Stunden. Und sie wäre noch länger ausgefallen, wenn mein Hex-Editor nicht die schlimmsten Designfehler ausgebügelt hätte

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Interessant an dem Spiel ist, dass es für die Reihe inhaltlich und technisch einen Neuanfang darstellt. Der alte Zyklus war mit MM V zu Ende gegangen, ebenso die DOS-Ära. MM VI ist das erste Windows-Spiel der Reihe und das erste mit einer 3D-Engine. Inhaltlich hängt es sich an Heroes of Might and Magic II (HoMM II) und bildet mit HoMM II, HoMM III und MM VII eine übergeordnete Welt. (Das Wort Geschichte möchte ich vermeiden.) Ob auch MM VIII noch dazugehört und wie das mit HoMM IV zusammenhängt, weiß ich noch nicht. Auf jeden Fall hatten die Entwickler die Möglichkeit viele alte Zöpfe einfach abzuschneiden. Deswegen finde ich so enttäuschend, was MM VI geworden ist.
Die Reihe zeichnet sich dadurch aus, dass sie erzählerisch schwächelt. Da ist nie jemandem eine überzeugende Geschichte eingefallen, die das ganze Spiel zusammenhält und dem Spieler eine Ahnung vermittelt, wo er als nächstes hingehen sollte. Die Spiele sind alle nach dem Muster gestaltet: Monster sind in der Welt aufgetreten. Deine Gruppe hat keine Lust mehr, in der Nase zu popeln. Lauf doch einfach mal los und sieh Dir an, was wir für ihre Beschäftigung so an Aufgaben in der Welt verteilt haben. Am Ende läuft man einer ultimativen Bedrohung über den Weg, ist aber beim Leveln hoffentlich so weit fortgeschritten, dass man dieser Bedrohung so richtig heimleuchten kann. Und dann ist das Spiel aus. Ungenießbar, aber beim Erscheinen des ersten Teil 1986 der heißeste Sch... ist die Vermanschung von High Fantasy und Science Fiction (hatten damals auch die Wizardry-Reihe und die Ultima-Reihe). MM VI hätte das alles besser machen können... und reproduziert einfach nur diese Formel.
In MM VI sind die außerirdischen Kreeganer in Enroth gelandet, das gerade einen Thronfolgerkrieg (= HoMM II) hinter sich hat. König Roland Eisenfaust von Enroth zieht den so genannten Teufeln entgegen. And that was the last of him. Seine Frau, Königin Catherine, ist unterwegs, um das Königreich ihres Vaters wiederherzustellen (HoMM III). Auf dem Thron sitzt der minderjährige Nicolai, in dessen Namen ein Berater regiert. Im Reich gibt es sechs herausgehobene Würdenträger, die wohl den Kronrat bilden und außerdem den Zugang zu einem Orakel kontrollieren, das in der größten Stadt des Reiches, in Free Haven, ansässig ist. Nach dem Verschwinden von Roland treten Monster in der Welt auf, hinter denen als ultimative Bedrohung die Kreeganer stehen. Außerdem ist der Orden von Baa auf den Plan getreten und verfolgt ... Ziele. In der Bevölkerung läuft das Gerücht um, die Eisefauschts hätten das Mandat des Himmels, also die göttliche Berufung zur Herrschaft, verloren. Da tauchen sechs Briefe von Roland an Catherine auf, die an den Hohepriester von Baa geliefert werden sollen. Sie gelangen in die Hände der Gruppe des Spielers, die daraufhin beschließt, die Zeit des Nasepopelns sei vorbei.
Was man sieht, ist, ein wie starkes Setting die Entwickler eigentlich hatten. Einen minderjährigen König, einen Berater, sechs Reichsmagnaten, die ihre eigenen Ziele verfolgen, aber zur Rettung des Reiches eigentlich zusammenarbeiten müssen. Einen subversiven Orden, dessen Anführer König werden möchte anstelle des Königs. Und - leider - Außerirdische. Doch meine Formulierungen haben es schon angedeutet: Alles, was den Entwicklern dazu eingefallen ist, ist: Monster treten auf, ultimative Bedrohung und kein Nasepopeln mehr. Und deshalb spielt sich MM VI wie MM V wie MM IV wie MM III (nur nicht so flüssig) wie MM II wie MM I. Es ist so traurig. Und eigentlich ist es sogar noch trauriger, denn MM VI macht viele Sachen wieder falsch, die MM III - V endlich richtig gemacht hatten. Und investiert an Stellen, an denen Investitionen gar nicht notgetan hätten. Das Charaktersystem ist mit einem gestuften Fähigkeitensystem und einem dreistufigen "Karriereplan" für jede Charakterklasse völlig unnötig aufgebläht worden (in MM VII wird dieses System so sinnlos weiter kompliziert, dass es faktisch kollabiert), die Spielzeit desgleichen, anstatt dass man endlich mal ein bisschen Hirn in einen spannenden Plot gesteckt hätte. Meines Erachtens ist MM VI eine ganz große vergebene Chance. Das ist aber wohl mal wieder eine Minderheitenmeinung, denn viele lieben gerade diesen Teil der Reihe. Ich bin der Meinung, wenn man diese 150 Stunden zu 50 Stunden eingekocht hätte und den Hauptplot gestärkt und ausgebaut hätte, hätte man ein dreimal so gutes Spiel bekommen.
Ihm fehlt es aber auch an Politur. Beispiel: Die Fähigkeiten, z.B. der Schwertkampf, sind in Stufen ausbaubar. Dafür bekommt jeder Charakter bei jedem Stufenaufstieg Fähigkeitspunkte, die der Spieler dann verteilen darf. Hört sich gut an, aber die Punkte verteilen sich weitgehend von selbst. Das System ist pseudokomplex. Hat der Charakter gewisse Voraussetzungen in einer Fähigkeit erreicht, darf er Experte oder sogar Meister werden. Die Lehrer sitzen in den Städten in den Häusern. Damit man weiß, wo man worin Experte/Meister werden kann, muss man also jedes einzelne Haus abklappern. Das ist so spannend, wie es sich anhört. Aber man muss ja nicht nur in Erfahrung bringen, wo die einzelnen Lehrer sitzen. Man muss es sich auch merken. Jetzt sehen die Häuser aber weitestgehend alle gleich aus, es gibt sechs oder acht Städte und die bestehen jeweils nicht nur aus vier Häusern. Wie soll man da alles im Kopf behalten? Für solche Fälle schuf der Gott des Computerspieledesigns die editierbare Automap. Sie wurde mit Ultima Underworld 1992 in die Welt der Computerrollenspiele eingeführt, MM VI erschien 1998 und hat sie... nicht. Was muss der Spieler also tun? Er macht sich einen Screenshot der Automap, druckt sie aus und schreibt sich mit der Hand in den Ausdruck, welches Haus welchen Lehrer beinhaltet. Oder er konsultiert - wie ich - eine Lösung. Das Spiel war 5 Jahre in der Entwicklung, und dann fehlt eine so naheliegende Grundfunktion, die man nur von einem - zugegeben deutlich innovativeren - Mitkonkurrenten hätte zu klauen brauchen.
Ich könnte seitenweise solche Sachen aufschreiben (habe ich auch anderswo getan), aber der Rant ist hier sowieso schon zu lang geworden. Jetzt sitze ich an MM VII. Das ist das letzte Spiel der Reihe, das ich schon einmal (an)gespielt habe. Ich musste es damals (ca. 2000) abbrechen, weil ich mein Savegame kaputteditiert hatte und einen alten Spielstand hätte laden müssen, dessen genauen Stand ich nicht mehr im Kopf hatte und der bedeutet hätte, mehrere Tage erneut spielen zu müssen. Dieses Mal will ich es schaffen, aber es wird hart.
Sauron hat geschrieben:Ansonsten gefiel mir der Spielaufbau insgesamt sehr gut. Die Handlung baut sich stetig auf, die Charaktere haben mit Spielverlauf immer wieder neue Dialoge parat und auch Hotspots kommen mit der Zeit auf logische Weise dazu.
Ich muss immer noch schmunzeln, dass es tatsächlich einen Entwickler gab, der dachte, man müsse das Spiel nicht nur grafisch, sondern auch vom gesamten Aufbau her verbessern. Das konnte echt nur in die Hose gehen und selbst ein rein grafischer Remaster wäre schon schwierig genug geworden.
Mir würde völlig reichen, wenn die alten Hintergründe noch vorhanden sind, dass man die in eine vernünftige 1080p-Auflösung bringt. Die Story hat leider Logikprobleme, die sich aber nicht entfernen lassen, weil die Geschichte dann auseinanderfiele. Ich müsste aber nachschlagen, was mich damals genau gestört hat. Atmosphärisch ist das Spiel stark.
Eine Entscheidung zu treffen ist ein Massenmord an Möglichkeiten.