Inzwischen habe ich
Life is Strange 2 abgeschlossen.
Das Spiel ist so überhaupt nicht mit Teil 1 vergleichbar, was sich eher negativ auswirkt, finde ich.
Mit einer Spielzeit von 18 Stunden (gem. Spieletests) ist es außergewöhnlich lang. Das liegt daran, dass die Haupthandlung mit einer nie dagewesenen Ruhe erzählt wird. Das ist Fluch und Segen zugleich, denn ich begleite zwei Brüder auf ihrem langen, beschwerlichen Weg quer durch Amerika. Die Länge dieser Reise wird tatsächlich richtig gut transportiert. Mal bin ich zu Fuß unterwegs, dann per Anhalter, in einem Auto oder per Zug. Ich durchquere dabei die unterschiedlichsten Landschaften und treffe, wie es sich für eine typische Reise gehört, auf die außergewöhnlichsten Leute. Das fängt auch richtig schön das Fernwander-Feeling ein, das ich ja auch selbst gut nachvollziehen kann. Auch schaue ich mir gerne Dokus über die amerikanischen Weitwanderwege an und was hier bei "Life is Strange 2" umgesetzt wurde, trifft den Nagel auf den Kopf! Und was sind das für wunderschöne Landschaften!

Da stört es auch nicht, wenn das Spiel sich oft mit sanften Kameraschwenks aufhält oder einfach mal 30 Sekunden stumpf das fahrende Auto zeigt, bei dem die Landschaft vorbeizieht. Diese weiten und dichten Wälder oder die Wüsten - man kann sich gar nicht sattsehen und tatsächlich gehe ich lieber durch die intensive Spielewelt spazieren, wo ich eigentlich sinnvoller rennen sollte. Die Naturbilder sind einfach der Hammer! Wie gesagt: Wir erleben hier eine ganz außergewöhnlich ruhige Geschichte ohne große Überraschungen. Was also fehlt, sind die Schockmomente oder die wirkliche Spannung. Das ist absolut nicht mit LiS zu vergleichen! Aber sobald es zum Finale kommt, bin ich dennoch den Tränen nahe, denn man kann die Strapazen dieser weiten Reise total nachfühlen. Das ist schon der Wahnsinn!
Trotzdem schwächelt das Spiel erzählerisch dieses Mal ziemlich! Das Problem ist eben die Gestaltung als Road-Movie, äh...Spiel. Jede der 5 Episoden steht dabei komplett für sich. Wir besuchen dort generell andere Schauplätze und wir treffen grundsätzlich neue Leute. Die werden also in jeder Episode eingeführt und wieder fallen gelassen... Und so sind mir die ganzen Nebengeschichten irgendwann auch einfach egal, weil ich genau weiß, dass sie nichts und auch wirklich gar nichts zur Handlung beitragen werden. Das gilt auch für die ganzen Dokumente, durch die ich die Nebencharaktere besser kennenlernen soll. Das war im ersten LiS völlig anders, wo man bald schon ein Mitgefühl für jeden Nebencharakter entwickelte. Hier sind sie einfach da und genauso schnell wieder weg. Das ist richtig schade, dass es da nicht zu mehr Überschneidungen kommt. Das wäre in einigen Fällen durchaus möglich gewesen! Auch die Vorgeschichte um Captain Spirit wird völlig bedeutungslos, weil der Charakter im Hauptspiel fast schon unwichtig ist.
Und obwohl ich die beiden Brüder auf einer wirklich sehr langen Reise begleite, bleiben sie als Personen sehr blass. Mir fehlen da einfach die Hintergrundgeschichten zu den beiden. Ich kann mich nie so richtig in die beiden hineinversetzen. Es sind viel mehr die abenteuerliche Reise und die klasse Schauplätze, von denen dieses Spiel lebt.
Thematisch tauchen so Dinge wie Homosexualität und Rassismus auf und auch die aus den 70ern berühmten Gammler haben ihren Auftritt. Es ist also eine Reise durch das volle Politik- und Selbstfindungsprogramm. Hier wäre weniger mehr gewesen: Auch hier leidet das Ganze nämlich unter dem Problem, dass alles angekratzt, aber nichts wirklich behandelt wird. Am ehesten baut man noch zu den Hippies eine Bindung auf, finde ich. Hier lässt sich das Spiel nämlich auch mehr Zeit und ist emotionaler. Gerade aber das Rassismus-Thema wäre hier sehr, sehr wichtig gewesen, da wir eine mexikanische Figur spielen. 3 x im Laufe der Handlung bekommt sie durch ihre Herkunft Probleme, aber das ist viel zu oberflächlich. Das hätte mehr behandelt werden müssen.
Spieltechnisch ist dieser Teil auch nicht ganz perfekt. Da wir nicht freiwillig in der Wildnis sind, müssen wir uns dort erst einleben. Das beinhaltet auch, dass der große Bruder (spielbar) seinem kleinen Bruder (generell nicht spielbar) noch so Manches beibringen muss. Hier hat man versucht ganz besonders realistisch zu sein. Der kleine Bruder verhält sich zunächst ziemlich kindisch, unwissend und unreif. Es ist also so, dass ich zunächst oft hinter meinem Bruder hinterherlaufen muss, um ihn zu erziehen oder zu belehren. Und anfangs stellt er wirklich noch viel Blödsinn an...

Viel zu oft diktiert mir das Spiel also, was ich zu tun habe... Ich kann das auch unterlassen, aber das wirkt sich dann nachteilig auf das gesamte Spiel aus. Anders als in LiS kann man hier nämlich nicht zurückspulen. Eine getroffene Entscheidung wirkt sich teils auf mehrere Kapitel aus und lasse ich meinen Bruder zu oft alleine oder bringe ihm nichts bei, dann erlebe ich nachher eines der schlechten Ende. Im Grunde sind dieses Mal sämtliche, moralischen Entscheidungen spielentscheidend und füllen ein nicht sichtbares Moralkonto. Zum Glück ist das recht offensichtlich gehalten: Da man nur eines der vier Enden sehen kann, muss einem bewusst sein, dass man die Geschichte über darauf hinarbeiten muss, aber ich finde, man schlägt direkt einen für sich vertretbaren Weg ein und bleibt diesem dann auch treu. Das klappt eigentlich hier sogar besser als in "Life is Strange". Ich habe hier wirklich so gehandelt, wie ich handeln würde. in LiS musste man oft so handeln, wie das Spiel es für korrekt hält. Dafür liefen dort alle Pfade am Ende wieder zusammen. In LiS 2 ist es zwar auch grundlegend die selbe Geschichte, aber getroffene Entscheidungen werden für alle Zeit Konsequenzen haben, wie sich der kleine Bruder anderen gegenüber verhält. Genau das bestimmt dann auch das entsprechende Ende.
Jedenfalls kann ich deswegen nicht immer die Hotspots erkunden, wie ich es gerne möchte. Das Spiel scheucht mich manches Mal regelrecht durch manche Schauplätze. Das nimmt mit der Zeit ab, wenn der kleine Bruder reifer wird, aber dann findet man bald schon neue Nebencharaktere, die immer was zu meckern haben... In manchen Szenen ist es sogar so, dass wenn ich mir zu viel Zeit lasse, sich die Geschichte an sich leicht ändert. Es ist aber grundsätzlich so, dass man genug Hinweise bekommt, ob man sich an einem Schauplatz Zeit lassen kann oder nicht, aber es ist einfach ärgerlich, wenn ich die Schauplätze nicht im Detail erkunden darf.
Auch gibt es Dialoge, während mein Charakter steuerbar bleibt. Auch hier wieder das Problem: Monologe und Dialoge erfordern sofortige Aufmerksamkeit. Untersuche ich dann zufällig noch ein Objekt, habe ich gleich wieder was verpasst oder schlimmstenfalls ganz abgebrochen...

Auch kommt es immer wieder zu Quicktime-Events für Dialoge. Man muss innerhalb einer kurzen Zeit eine Antwort geben oder kann optional nicht reagieren. In Zwischensequenzen ist man noch entsprechend aufmerksam, aber wenn man gerade herumläuft und Objekte untersucht, dann muss man das erst mal registrieren. Zwischendurch brauchte ich zu lange, um überhaupt die Antwortmöglichkeiten zu lesen. Das nervt!

So geschahen auch Dinge, die ich eigentlich hätte vermeiden wollen.
Ich will doch einfach nur in Ruhe die Schauplätze bewundern und nicht durch die Geschichte geprügelt werden...
Ansonsten muss man ganz klar Spiele mit seeeeehr langen Dialogen und Sequenzen mögen. Gestern wollte ich z.B. bei der nächsten Möglichkeit ins Bett. Das Spiel ließ mir erst nach 20 Minuten!

die Möglichkeit. Davor lief es komplett alleine ab, indem sich Zwischensequenzen mit Dialogen abwechselten. Wirklich frei ist man also nie... das Spiel diktiert mir zu viel.
Musikalisch ist das Spiel, passend zu den Schauplätzen sehr viel ruhiger. Ohrwurmgefahr gibt es hier gar keine, aber trotzdem passt die Musik ganz wunderbar zur ruhigen Erzählung und zu den faszinierenden Landschaften.
Offiziell handelt es sich ja um eine Fortsetzung von "Life is Strange". Hier und da kommt es zu einer Verknüpfung. Auch ein bekannter Charakter ist noch mal mit dabei, aber die Einbindung geschieht doch sehr krampfhaft und in ist meinen Augen sogar unlogisch. Gebraucht hätte es das auch nicht unbedingt, weil die Geschichte für sich alleine steht. Gut war aber, dass die Taten aus "Captain Spirit" auch einflossen. Dazu werden die Speicherstände ausgelesen - daher erst deinstallieren, wenn man "LiS 2" auch durch hat.
Auch wenn mir das Spiel nicht vollends gefiel, gehört es doch zu den besten Abenteuerspielen. Alleine schon die Tatsache, eine derart lange Geschichte zu erzählen und mir dafür auch einfach die Zeit zu nehmen, verdient schon Respekt. Schön wäre aber gewesen, wenn auch dieser Roadtrip eine Reise der Gefühle geworden wäre. So reduziert sich das Spiel einfach zu sehr auf die Reise selbst. Die ist dafür grafisch einfach mega. Ich habe sie doch irgendwo gerne mitgemacht, aber schlaflose Nächte wird sie mir nicht bereiten. Einfach ein solides Abenteuerspiel in einer für uns Europäer fremden Kulisse.
Frodo lag mit dem Kopf in Sams Schoß, tief im Schlaf versunken; auf seiner weißen Stirn lag eine von Sams braunen Händen, und die andere ruhte leicht auf seiner Schulter. In ihren Gesichtern stand Friede.
Gollum betrachtete sie. Ein seltsamer Ausdruck zog über sein ausgemergeltes Gesicht. Das Flackern schwand aus seinen Augen, und sie wurden trüb und grau, alt und müde.